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Wertewandel – wenn die Welt Kopf steht

Müssen Führungskräfte in erster Linie Entertainer sein, die wirtschaftliche Zusammenhänge anschaulich darstellen können?

In der ersten Annährung würde man komplett ja sagen. Der unmittelbare Erfolg in der heutigen Gesellschaft hängt in vielen Bereichen von der Medientauglichkeit ab. Hier geht es oft um oberflächliche Präsentationswerte, Unterhaltungswert und Schlagfertigkeit. Das ist aber wirklich nur die erste Annährung. Ich bin sicher, dass jemand Erfolg haben kann, der erkennen lässt, Medientauglichkeit nicht nur mit oberflächlichem Gehabe gleichzusetzen, sondern mit Tiefgang. Das sind Führungspersönlichkeiten, bei denen der Eindruck entsteht: „Mensch, der geht jetzt nicht gedankenlos jeder Modeströmung nach, sondern er ist eine gestandene Persönlichkeit. Diese Person hat bestimmte Prinzipien, denen sie sich verpflichtet fühlt. Sie passt diese Prinzipien an und ist offen, weil sie Meinungen aufnimmt.“ Dort ist dann meist auch ein kohärentes Wertesystem spürbar.

Kann dieser von Ihnen beschriebene Managertypus auch negative Nachrichten und unbequeme Wahrheiten positiv der Belegschaft vermitteln, damit diese die anstehenden Änderungen mit trägt?

Auch Negatives kann der Belegschaft positiv verkauft werden. Hierzu gehört jedoch die Fähigkeit des Managers negative Valenzen, negative Gefühle und widersprüchliche Informationen aufzunehmen. Gereifte Persönlichkeiten sind daran zu erkennen, dass sie bei einer Person, Nachricht oder Sache nicht alles nur positiv oder nur negativ sehen, sondern positive und negative Seiten auch mischen können. Sie können  Widersprüchlichkeiten aushalten. Dieses Aushalten führt oft dazu, dass sich auf einer höheren Ebene eine andere Einsicht bildet. Das, was vorher noch widersprüchlich war, wird dann integriert und angenommen. Das Negative wird akzeptabel. Ein ganz einfaches Beispiel: Sie stören sich an der Zurückhaltung eines Mitarbeiters, weil sie extravertierte spontane Menschen an dem betreffenden Arbeitsplatz für effektiver halten. Nun fällt Ihnen fällt für das vermeintlich Negative eine positive Seite ein. Könnte es nicht sein, dass gerade dieser zurückhaltende Mensch in diesem Team für die oft nötige Reflektion sorgt, die vor vorschnellem Aktionismus schützt? Aus der Not wird eine Tugend und Sie stören sich nicht mehr an der negativen Seite dieses Menschen. Analoges gilt auch für unbequeme Mitarbeiterwünsche. Werden Sie außer acht gelassen und die Strategie über die Köpfe hinweg gefahren, so nach dem Motto: „Erst mal schauen, ob es hinhaut, wenn wir es einfach durchpauken.“, dann fühlen sich die Leute nicht ernst genommen. Haben sie jedoch den Eindruck, dass jemand hinhört, sich Gedanken macht und abwägt, können sie die Entscheidung sogar mittragen, selbst wenn ihre Überzeugung eine andere ist.

Hat der Wertewandel im Bezug auf das Auftreten dazu geführt, dass es Großsprecher leichter haben als kühle Rechner – also mehr hochtrabende Visionen statt durchführbarer Businesspläne?

In unserer Gesellschaftsform stehen Unterhaltungswert und Medientauglichkeit im Vordergrund. Wir achten viel mehr auf Quotenaspekte, als auf innere Werte oder Urteilsfähigkeit. So lange das so bleibt, kann ich das nur bejahen, und die „Rampensäue“, die sich für keinen noch so oberflächlichen, wenn nur medienwirksamen Auftritt zu schade sind, haben durchaus eine größere Chance. Es kommt solchen Leuten mehr auf den raschen Aufmerksamkeitsbonus an, zumal man sich die gröbsten Fehler leisten kann, so lange man nur in den Köpfen der Menschen präsent ist. Leider vergessen die Leute solche Fehltritte so schnell, weil das kollektive Gedächtnis immer kürzer wird.

Text: NEUNsight-ive.de
Bildmaterial: Fotolia

Gesprächspartner:

Prof. Dr. Julius Juhl, Lehrstuhl für Differenzielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung, Universität Osnabrück

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