Wertewandel – wenn die Welt Kopf steht
Erneuerungen werden durch die Persönlichkeit der Führungskräfte definiert
Die Wertevorstellungen der Menschen ändern sich unentwegt und damit auch die Erwartung im Spannungsfeld zwischen Belegschaft und Führungskräften. Welche Eigenschaften sind unerlässlich, um als charismatische Persönlichkeit angesehen zu werden? Wie entstehen diese Persönlichkeitsmerkmale und wie wirken sie sich auf das Verhalten der Menschen aus? Fragen, denen Professor Doktor Julius Kuhl auf den Grund geht. Er ist Professor an der Universität Osnabrück im Fachbereich Humanwissenschaften. Hier forscht er am Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung.
Sie sitzen in einer Besprechung und ein Gesprächspartner wirft Ihnen etwas Unerwartetes oder Beleidigendes an den Kopf. Sekundenbruchteile entscheiden jetzt, ob Ihr Stressniveau so ansteigt, dass Sie auf Ihre integrativen Kompetenzen nicht mehr zurückgreifen können. Entweder können Sie nichts Passendes entgegnen oder Sie können sofort einen Vortrag halten, der aus dem Vollen schöpft und den Angriff parieren. Im Gespräch mit NEUNsight zeigt Prof. Dr. Kuhl auf, welche Prozesse in einem solchen Szenario ablaufen.
Herr Professor Doktor Kuhl, wie lässt sich der Wertewandel in der Persönlichkeit von Führungskräften charakterisieren?
Er lässt sich hauptsächlich dadurch charakterisieren, dass wir einen zunehmenden Werterelativismus haben. Es gibt keinen klar erkennbaren Trend in eine bestimmte Werterichtung, sondern eine Vielfalt von Werten. Diese beruhen darauf, dass wir unsere gemeinsame Basis immer mehr verlieren. Es ist also kein Wandel, wie er früher zu verstehen war, als von einer ganz bestimmten Wertepriorisierung auf eine andere gewechselt wurde. Heute geht es viel mehr um einen Wertezerfall, beziehungsweise wo Werte sind, sind sie opportunistischer, der jeweiligen Situation angepasst und viel heterogener. Es gibt kaum noch wirklich konsensfähige Werte oder kohärente Wertesysteme, die Leitlinien fürs Leben darstellen können. Die Ausbildung eines kohärenten Wertesystems hängt von der Ausbildung und von der Entwicklung einer kohärenten Persönlichkeit ab. Um es noch genauer zu sagen, von einem kohärenten „Selbst“.
Und was genau ist das kohärente Selbst, das die Persönlichkeit definiert?
Das Selbst ist eine Wissensbasis für integrative und systemische Kompetenz. Dieses Selbst ist im Gehirn lokalisierbar und befindet sich im rechten präfrontalen Cortex. Dort sind sämtliche autobiografischen Erfahrungen aus dem episodischen Gedächtnis gespeichert und in ausgewerteter Form integriert. In Sekundenschnelle blendet dieses System viele Gesichtspunkte ein, eigene Bedürfnisse und Werte, sowie auch fremde Werte, die alle Berücksichtigung finden. Integrierte Antworten sind die Folge und in Sekundenschnelle wird dadurch klar, welcher Schluss aus der jeweiligen Situation zu ziehen ist. Diesen Vorgang zu optimieren, ist die Basis für ein integriertes Wertesystem und eine integrierte Motivation. Dann steht man auch mit seiner ganzen Persönlichkeit zu den eigenen Handlungen. Das gilt sowohl für komplexe Lebensentscheidungen in Partnerschaft und Beruf, als auch für einfache Aktivitäten wie Bleistift spitzen oder Wäsche sortieren. Alle diese Tätigkeiten kann man entweder mit Hingabe ausführen oder zweckorientiert und dann entsprechend nachlässiger.
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