Interview: Internationalisierungsstrategien in der Krise
Kann man diese Prozesse gezielt beschleunigen?
Ja, in der Tat. Als sehr vorteilhaft hat sich die Erfahrung mit kulturell ähnlichen Märkten herausgestellt. So ist beispielsweise das dritte Land in Lateinamerika nicht mehr so schwierig wie das erste Land, vorausgesetzt man hat eine Unternehmenskultur einer „lernenden Organisation“. Auch die Zusammenarbeit mit geeigneten Partnern in den Zielländern kann hier zur Beschleunigung beitragen. Hier sollte jedoch über eine systematische Vorauswahl die Eignung des Partners sichergestellt werden, da eine solche Zusammenarbeit langfristig angelegt sein sollte und ein Partnerwechsel sehr aufwändig und teuer werden kann. Bei dieser Vorauswahl kann auch die Vernetzung mit Unternehmen und Beratern sehr wertvoll sein, die bereits über Erfahrung mit dem Zielland verfügen.
Welchen Stellenwert schreiben Sie den Mitarbeitern des Unternehmens für eine erfolgreiche Internationalisierung zu? Was müssen diese mitbringen?
Der Einstellung der Mitarbeiter kommt eine zentrale Bedeutung für den Erfolg der Internationalisierung zu. Dies muss auch aktiv von der Geschäftsleitung vorgelebt werden. Ein Geschäftsführer, der selbst nicht bereit ist, jenseits von Österreich oder Frankreich ins Ausland zu reisen, wird kaum international ausgerichteten Mitarbeiter nachhaltig motivieren können.
Durch die Wirtschaftskrise wurden viele erfahrene Fach- und Führungskräfte freigesetzt. Dürfen Unternehmen bei einem solchen Überangebot an fähigen potentiellen Mitarbeitern überhaupt zögern neue Märkte in Angriff zu nehmen?
Häufig ist das Profil der aktuell auf dem Arbeitsmarkt befindlichen Mitarbeiter nicht sehr international. Auch die Bereitschaft zu längeren Auslandsaufenthalten und intensiver Reisetätigkeit ist gerade bei sehr erfahrenen Mitarbeitern mit Familie nicht immer vorhanden.
Was würden Sie den deutschen Unternehmen allgemein empfehlen? Internationalisierung wann immer es möglich ist, oder gibt es auch Fälle in denen der Heimatmarkt der einzige Markt bleiben sollte?
Internationalisierung ist nicht für alle Unternehmen die geeignete Strategie. So ist für manche Produkte der Aufwand sehr hoch, um eine Zulassung in einem Auslandsmarkt zu erhalten. Beispielsweise sind manche Finanzdienstleistungsprodukte und Versicherungsprodukte stark von den rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen des jeweiligen Landes abhängig und muss eine entsprechend aufwändige Prospektierung der Leistungen erstellt werden. Auch Unternehmen, die große Schwierigkeiten in ihrem Heimatmarkt haben, ist anzuraten, zunächst ihre Hausaufgaben zu machen und an den Ursachen für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit zu arbeiten. Sonst laufen sie Gefahr, dass sie ihre knappen liquiden Mittel in Auslandsaktivitäten investiert haben um in der Ferne auf dieselben Probleme zu stoßen wie in ihrem Heimatmarkt.
Eine letzte Frage bezüglich ihrer Forschung. Was kann die Forschung in der Krise von der Wirtschaft lernen und umgekehrt?
Aufgrund der großen Verwerfungen in Krisenzeiten gelingt es Unternehmen weniger gut, evtl. Fehlentwicklungen mit Erfolgen aus anderen Aktivitäten zu überdecken. Dies erhöht die Transparenz und ermöglicht so auch aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Umgekehrt ist es auch Aufgabe der Wissenschaft, Ursachen von Krisen und Wirkungszusammenhänge zu analysieren, um den Praktikern Handlungsempfehlungen für ähnliche Situationen zu geben.
Um erfolgreiche Internationalisierungsstrategien vorzubereiten, bietet sich die Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl Internationales Management im Rahmen des MBA Studiengangs an, da wir über langjährige Erfahrung in diesen Themen verfügen und Studierende aus vielen Teilen der Welt hier in Nürtingen versammelt haben. Die MBA-Teilnehmer haben häufig bereits ein technisches Studium abgeschlossen und verfügen über Berufserfahrung. Auch arbeiten wir bei verschiedenen Projekten zusätzlich mit externen Beratungsunternehmen wie der K.O.M. GmbH aus Allensbach zusammen. Im Rahmen eines Kooperationsprojektes erhält unser Partner damit die bestmögliche Unterstützung aus Theorie und Praxis.
Gemeinsam mit den an einer weiteren Internationalisierung interessierten Unternehmen werden Marktstrategien erarbeitet, die dann häufig im Rahmen von Masterarbeiten mit Marktstudien vertieft werden. Nach Abschluss des Studiums besteht dann die Chance, gemeinsam mit dem jeweiligen Absolventen die Strategie auch umzusetzen.
Vielen Dank für das Interview.
| Weitere Informationen zu Prof. Dr. sc. agr. Erskin Blunck und der HfWU Nürtingen-Geislingen erhalten Sie unter www.hfwu.de. |
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