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Gastfreundschaft

Auf dem Prüfstand

Das falsche Gesprächsthema, Spannungen unter den Gästen, oder gar der Wohnstil – als Gastgeber geraten wir da schnell in Stress, weiß die Münchner Psychologin und Buchautorin Hildegard Ressel zu berichten. Sei doch die Einladung nachhause für viele mit einem mulmigen Gefühl verbunden, weil der Gast möglicherweise Rückschlüsse „nicht nur auf unseren Geschmack, sondern gleich auf unseren ganzen Charakter ziehen könnte“. Dadurch nimmt die Zusammenkunft „ungeahnte Prüfungsausmaße an“. Auf einmal unterlägen Lebensart und Stilgefühl, Ordnungssinn und Tüchtigkeit aber auch die Kochkunst einer strengen Selbstbewertungsskala. Je nachdem, ob es sich bei den Eingeladenen um ebenbürtige, bekannte oder um fremde Gäste handelt, über die wir wenig wissen und die womöglich gesellschaftlich exponiert sind, betont die Expertin.

Öffentlichkeit nicht erwünscht

Darüber hinaus erschweren unter Umständen kulturelle Unterschiede den Wunsch, auf eine Ebene mit den Eingeladenen zu kommen. Situationen, die eher Distanz schaffen, als dass sie verbinden. Gerät doch im Vorbereitungsstress das eigentliche Ziel, eben die eigene Wertschätzung zu zeigen und die Beziehung zu vertiefen, leicht wieder aus dem Blickfeld.

Deutsche Gastgeber bevorzugen das private Heim, sagt Bernd Müller-Jacquier, Professor für Interkulturelle Kommunikation an der technischen Universität Chemnitz-Zwickau. Die multifunktionale gute Stube sei der repräsentative Raum, in dem hierzulande Gäste bewirtet werden. Dabei stehe offenbar im Vordergrund, Freunde und Besucher „in einer Privatheit und nicht in der Öffentlichkeit“ zu empfangen. Schon im Nachbarland Frankreich geht es da legerer zu. Ist die Wohnung gerade nicht topp, wird die Einladung kurzerhand ins Restaurant um die Ecke verlegt. Der Gastgeber kann sich voll der Tischrunde widmen und ein mehrstündiges Essensritual mit vielen Anknüpfungspunkten ist garantiert.

Wohlfühlen hat Priorität

Doch sind wir nicht nur Gäste aufgrund persönlicher Einladungen, sondern beispielsweise auch als Passagier auf einem Schiff oder im Flugzeug, einer Veranstaltung oder als Kunde eines Pauschalreiseanbieters. Wir haben womöglich viel Geld bezahlt und erwarten dafür bestimmte Leistungen. Nach neuesten Entwicklungen scheint dabei die Gastfreundlichkeit ganz oben auf der Erwartungsliste deutscher Urlauber zu rangieren: Immerhin 92 Prozent der Urlauber setzen sie ganz oben auf ihrer Prioritätenliste, so das Hamburger BAT–Freizeit-Forschungs­institut in einer aktuellen Studie. Ein Bedürfnis, auf das sich Ferienclubs besonders eingestellt haben. Sie sorgen über den normalen Hotelbetrieb hinaus für Begegnungsräume, Sport- und Wohlfühlangebote, entlasten Eltern durch Kinderbetreuung. Ähnlich einer Privateinladung muss sich der Gast weitgehend um nichts mehr selbst kümmern.

Überraschung inbegriffen

Für den Direktor des Robinsonclubs Piz Buin in der Schweiz, Gerhard Haas ist Gastlichkeit das A und O der Betriebsphilosophie. Um hier eine hohe Qualität zu sichern, habe das Unternehmen spezielle Konzepte und Personaltrainings entwickelt. Selbst technische Mitarbeiter und Zimmermädchen, die Serviceaufgaben im Hintergrund erledigen, werden im Umgang mit den Gästen geschult und „üben ebenfalls Gastgeberfunktionen aus“, so der Clubchef. Das komme nicht nur den Gästen sondern auch den Kollegen selbst zugute. Durch den Kundenkontakt entstehe ein direkter Bezug zur Arbeit, der sich motivationssteigernd auswirke. Doch Haas geht noch weiter: In täglichen Teamrunden fragt er ab, „wer was an Stimmungen und Vorlieben bei den Clubgäste wahrgenommen hat“, und freut sich, dann den einen oder anderen mit der entsprechenden Serviceleistung überraschen zu können.

Text: NEUNsight-live.de
Bildmaterial: Fotolia

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