Gastfreundschaft
Mit dem Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ warb Deutschland international für ein gemeinsames Erleben der Fußballweltmeisterschaft 2006. Das lockte nicht nur viele ausländische Gäste ins Land, sondern bereitete hierzulande den Boden für ungezwungene Begegnungen zwischen Einheimischen und Fremden. Mit Erfolg, ist die einhellige Meinung. Doch um das hehre Motto der Gastfreundschaft umzusetzen, waren im Vorfeld enorme Vorbereitungen wie die Unterbringung und Lenkung der Besucherströme, Bereitstellung von Örtlichkeiten für Großleinwände, natürlich die Sicherheit und die allgemeine Einstimmung auf das große Ereignis nötig,
Was mit viel Aufwand im nationalen Maßstab gelang, macht gleichermaßen und alltäglich in allen Ecken der Republik privaten wie beruflichen Gastgebern immer wieder von neuem Kopfschmerzen. Was kann ich meinen Gästen bieten? Was erwarten sie von mir?
Wehe dem, der Gastrecht bricht
Der Gast ist König, heißt es von alters her. Einschlägige Lexika schildern traditionelle Gastfreundschaft als „heiliggehaltenen Brauch“, der dem Fremden in der einst herrschenden Rechtlosigkeit Sicherheit gab. Danach genossen Besucher uneingeschränkten Schutz für eine Reihe von Tagen, meistens drei, in denen Bewirtung und Unterkunft garantiert waren. Selbst dem ärgsten Feind wurde dieses Recht eingeräumt. Wer es brach, hatte die Rache des Gastherrn, im alten Testament auch mal die Rache eines ganzen Volksstammes zu fürchten. Die griechische Mythologie überliefert illustre Geschichten in denen Götter, als arme Wanderer verkleidet, die Gastlichkeit der Erdenmenschen testen.
Stress vorprogrammiert
Alle Weltreligionen preisen Gastfreundschaft als hohe Tugend. Petrus mahnt gar, einander gastfreundlich aufzunehmen „ohne darüber zu klagen“. Da klingt nicht gerade Begeisterung durch. Auch heute noch witzelt ein orientalisches Sprichwort, dass Gäste doppelt Freude machen: nämlich wenn sie kommen und wenn sie wieder gehen.
In den westlichen Gesellschaften hat sich zwar das archaische Verständnis von Gastfreundschaft überlebt. Keine Religion, kein Gesetz schreibt mehr bestimmte Gastlichkeitsrituale vor. Und doch unterliegt das Wechselspiel vom Besuchen und Besucht werden immer noch ungeschriebenen Regeln und Erwartungen, was die Gastgeberrolle nicht gerade erleichtert. Beim Empfang von Geschäftspartnern, Arbeitskollegen, Freunden, Nachbarn und Verwandten tun sich so manche Fettnäpfchen und Anstandsfallen auf. Beispielsweise könnte da zuwenig Aufwand als mangelnde Wertschätzung verstanden werden, zu viel als Vereinnahmung oder Verpflichtung.
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