Ihr Online-Magazin für Wirtschaftspsychologie und Innovationsmanagement

Psychologie der Innovation

Umsetzung in die Praxis

Vielfach wird noch immer bemängelt, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland innovationsfeindlich ist. So definierte die „Zukunftskommission Wirtschaft 2000 des Landes Baden-Württemberg“ bereits 1993 die Schlüsseltechnologien des nächsten Jahrhunderts: Informations- und Biotechnologie, neue Werkstoffe, neue Energie-, Luft-, Raumfahrt- und Umwelttechnik. Das Resultat heute: Mit Ausnahme des letztgenannten Bereiches befindet sich Deutschland gegenüber den USA und Japan im Rückstand. Dieses Defizit wird oft mit Mustern erklärt, die in den Bereich der Psychologie fallen. Es heißt, „wir sind zu risikoscheu“. Ist das Bild des risikoscheuen Deutschen richtig oder können andere psychologische Mechanismen den deutschen Innovationsrückstand besser erklären?

Lässt sich das Vorurteil einer spezifisch deutschen risikoscheuen Mentalität empirisch untermauern? Die psychologische Risikoforschung aus den Bereichen Wirtschafts-, Gesundheits- und Persönlichkeitspsychologie sowie Entscheidungsforschung, die sich alle mit Fragen der Risikowahrnehmung (Wodurch wird mein Risikourteil bestimmt?), Risikoakzeptanz (Bis zu welcher Höhe ist ein Risiko akzeptabel?) und Risikobereitschaft (Inwieweit bin ich bereit, risikoreich zu handeln?) beschäftigen, kann bei der Klärung dieser Frage helfen. Trotz umfangreicher Literatur existieren nur wenige internationale Vergleichsstudien; insbesondere der asiatische Raum ist stark unterrepräsentiert. Das deshalb mit Vorsicht zu interpretierende Fazit lautet, dass es keine überzeugenden Hinweise auf eine deutsche Sonderrolle gibt. Wer eine risikoscheue deutsche Mentalität im Vergleich zu anderen Nationen auszumachen meint, der bleibt bisher den psychologischen Beleg für diese These schuldig, so fasst Dr. Dipl.-Psych. Stefan Schulz-Hardt, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Institut für Psychologie an der Universität Kiel die bisherige Forschung zusammen.

Damit werden Mentalitätsunterschiede zwischen verschiedenen Nationen, die sich zum Teil  auch empirisch nachweisen lassen, nicht bestritten. Deutschen konnten etwa starker Gehorsam gegenüber Autoritäten und ein Hang zum Perfektionismus nachgewiesen werden. Aus psychologischer Sicht sind aber substantiellere Faktoren an der deutschen Innovationsschwäche beteiligt. Drei dieser Faktoren sind: gelernte Sorglosigkeit,  innovationsfeindliche Unternehmenskultur und fehlerhafte Entscheidungsprozesse.

Gelernte Sorglosigkeit

Die entwickelte Theorie der gelernten Sorglosigkeit postuliert, das Menschen, die oft ohne großen eigenen Aufwand Erfolge erzielen oder sich ohne negative Konsequenzen gefährlich verhalten, eine Sorglosigkeitshypothese entwickeln. Sie gehen davon aus, dass alles gut ist und auch von selbst gut bleiben wird. Symptome dieses Sorglosigkeitszustands sind mangelnde Fähigkeit und Motivation, gefährliche Entwicklungen zu erkennen. Hinzu kommen eine unkritisch gehobene Stimmung und eine verkürzte Zeitperspektive. Verzögertes Lernen und eine Fortsetzung problematischer Verhaltensweisen (Handlungsträgheit) sind die Folge. Wer im Zustand gelernter Sorglosigkeit innovative Entscheidungen vermeidet, scheut nicht etwa das Risiko, sondern sieht keine Notwendigkeit für solche Entscheidungen.

Nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Gruppen, Unternehmen und sogar ganze Volkswirtschaften können sorglos werden. Genau dies ist in Deutschland zu einem Zeitpunkt geschehen, da die Weichen ins 21. Jahrhundert hätten gestellt werden müssen. Die deutsche Wirtschaft war nach dem Krieg über Jahrzehnte hinweg erfolgreich. Mit diesen Erfolgen ging eine Reihe „gefährlicher“ Verhaltensweisen wie teure Produktion und hohes Lohnniveau einher. Diese Verhaltensweisen wurden nicht bestraft, da das Gütesiegel „Made in Germany“ die hohen Preise zu rechtfertigen schien. Selbst die in den USA und Japan im Vergleich mit Deutschland deutlich ansteigende Produktivität blieb zunächst ohne negative Konsequenzen.

Umstände wie der Ende der achtziger Jahre einsetzende Höhenflug des Dollars, die investitionsbelebende Ankündigung des Europäischen Binnenmarktes und die deutsche Einigung pufferten die Wirkung ab. Aus dieser Konstellation heraus entwickelte sich Sorglosigkeit, die den Blick auf das japanische Engagement in der Informationstechnologie oder die Gründung amerikanischer Gentechnik-Firmen trübte. Deutschland sonnte sich im Glanz seiner wirtschaftlichen Erfolge, statt zu erkennen, dass die Bedeutung der eigenen erfolgreichen Industrien abnehmen wird.

Seiten: 1 2 3 4

Schlagwörter: , , , ,

Weitere Artikel:

    Psychologie der Werte
    Vom ersten Benz zum iPad
    Innovation heißt Lösungen für Kunden anbieten

1 Kommentar

  1. Interessanter Beitrag, gerade der letzte Teil “Weniger reden fördert die Innovation” kann ich nur so bestätigen. Die besten Ideen kommen noch immer beim Schweigen und der Rekapitulation des Gesagten.

Diskutieren Sie mit