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Erfolgsfaktor Management

In einem soeben in der französischen Les Echos erschienenen Artikel geht Nicolas Mottis, Professor für Business Education an der renommierten französischen ESSEC Business School, der Frage nach, worin der allerorts diskutierte Aufschwung in Deutschland begründet ist. In den aktuellen öffentlichen Diskussionen über die ausgezeichneten und nachahmenswerten Leistungen der Deutschen bleibt nach Meinung des Autoren ein Parameter weitestgehend unberücksichtigt: das Management.

So berufen sich die lobenden Artikel vorwiegend auf die Steuerreform, auf die Umstrukturierung sozialer Sicherheitssysteme oder auf Deutschlands gute Positionierung in vielen technologischen Sektoren. Das starke Wachstum im Jahr 2010 begründet sich zudem auch in der gewaltigen Talsohle, die 2009 vorausgegangen war. Doch neben makroökonomischen Dimensionen ist es zur Ergründung einer kollektiven Leistung unerlässlich, auch die Mikro-Ebene zu berücksichtigen, so Prof. Mottis.

Französische Führungskräfte, die in oder mit deutschen Unternehmen arbeiten, konnten es bereits beobachten: Deutsche arbeiten nicht zwingend mehr und sind oftmals sogar viel entspannter als Franzosen. Und letztlich haben sie immer sehr gute Arbeitsresultate vorzuweisen. In den Kursen mit deutschen Studenten hat der ESSEC-Professor das selbe Phänomen beobachtet: „…dort sitzen sicher nicht ausschließlich künftige Nobelpreisträger in Physik, aber die Qualität der erbrachten Leistungen sind doch von sehr hoher Qualität.“ 

Eines der wichtigsten und augenscheinlichsten Beispiele für den Unterschied deutscher und französischer Management-Praktiken sieht Prof. Mottis in den Meetings. In Deutschland hören die Beteiligten einander zu und folgen zumeist einer zuvor festgelegten Themen-Agenda. Strukturiert und lösungsorientiert werden Themen „abgearbeitet“. Für Franzosen ist dies wirklich eine Art Wunder, sind sie doch eher an Besprechungstermine, ohne erklärtes Ziel gewöhnt. Die französische „Réunion“ ist zumeist geprägt von Diskussionen, die in alle Richtungen abdriften, mit einem mehr oder weniger kompetenten Gesprächsführer, der meist ins Leere spricht, ohne das Ziel zu verfolgen, Lösungsansätze hervorzubringen.

Generell fällt es Franzosen nach Einschätzung Prof. Mottis‘ offenbar schwer, klare Ansagen zu machen und den Mitarbeitern einen verbindlichen Weg aufzuzeigen. Und doch sind Entscheidungen und klare Ansagen enorm wichtig für die Produktivität und den Erfolg eines Unternehmens.

Einander Zuhören, Strukturieren, Konzipieren – dies alles sind Begriffe, die auch tief im traditionellen Hochschulsystem verankert sind. Seit Jahren ist die deutsche Business-Ausbildung stark auf die Erstellung von Businessplänen für Unternehmensgründungen konzentriert. Für den ESSEC-Professoren ist es äußerst befremdlich zu beobachten, dass deutsche Teilnehmer zunächst unaufgefordert eine ausführliche Literaturrecherche betreiben, um herauszufinden, was andere bereits über ein bestimmtes Thema geschrieben haben. In Frankreich müsste darauf insistiert werden.

In Deutschland wird lösungsorientiert gehandelt und sehr viel mehr geplant als in Frankreich. Das Ergebnis ist ambivalent: Zunächst scheint ein deutsches Projektteam im Vergleich erschreckend langsam zu sein, aber letztendlich, wenn das detaillierte Konzept einmal Formen angenommen  hat, gibt es auch keine bösen Überraschungen mehr und ein Projekt kann stressfrei umgesetzt werden. Zwar stehen die Franzosen den Deutschen insgesamt nicht nach im Hinblick auf die aufgewendete Zeit, doch sind Projektabschlussphasen bei Franzosen oftmals sehr viel anstrengender, aufgrund unvorhergesehener Komplikationen, so die Beobachtung des Autoren.

„Und woher genau kommt nun der große Erfolg des deutschen Mittelstands?“, fragt Prof. Mottis. „Da steckt kein wirkliches Geheimnis dahinter!”, glauben Führungskräfte, für die die ESSEC Business School gemeinsam mit der Universität Mannheim ein Seminar abgehalten hat. Der Erfolg ist das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklungen, ausgehend von der Nachkriegszeit, in der sich Unternehmen wieder völlig neu aufbauen mussten. Außerdem spielt ein ausgeprägter Konservatismus in der Staatsführung mit. Relativ wenige Faktoren auf Makroebene, die das deutsche „Wunder“ erklären könnten – im Gegenteil: Es sind offenbar eher die einfachen Parameter, die mit dem Verhalten der einzelnen Akteure zusammenhängen, und nicht mit einem neuen 5-Jahres-Plan oder einem Modernisierungskonzept.

„Es ist offensichtlich nicht auszuschließen“, resümiert Nicolas Mottis, „dass es eher diese einfachen Praktiken sind, die einen großen Beitrag leisten. Diese Praktiken sind allesamt ziemlich leicht zu kopieren und es könnte uns sicher nicht schaden, strukturell etwas umzudenken und von den Deutschen die ein oder andere Methode zu adaptieren. Vor allem nicht im Hinblick auf französische Politiker oder Manager, die heute allzu schnell schlechte Lösungen für ernsthafte Probleme finden.“ Andererseits, so schreibt Mottis weiter, liege ein wesentlicher Vorteil der Franzosen in ihrer Fähigkeit, ebendiese Lösungen schnell auch wieder über Bord zu werfen und eine Alternative zu finden – und Spontaneität sei ebenfalls ein sehr wichtiger Wert. 

Sinnvoll sei es, dass sich die unterschiedlichen Management-Methoden durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Unternehmen einander annähern und nicht weiter gegenseitig als wunder- oder gar sonderbar verstanden werden.

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